Eine kleine Maine Coon Genetik

Gene sind die Erbanlagen, in denen alle unsere  Strukturen und Eigenschaften erbbiologisch verankert sind. Ob eine Blume, ein Mensch oder eine Katze entsteht, welcher Rasse sie ist, wie groß sie wird oder wie sie aussieht, ist genetisch verankert. Die Vielfalt der  Erbinformationen ist gewaltig, und wir werden uns im weiteren auf einige wenige Erbanlagen beschränken müssen.

Ziel des folgenden Textes ist es, dem Maine-Coon-Züchter einige der Wechselwirkungen im Hinblick auf das  Aussehen der Tiere zu vermitteln, die helfen sollen, die diesbezüglichen Zuchtziele konsequent verfolgen zu können. Wie erreiche ich gewünschte Konstellationen von Fellstreifung und Färbung, bzw. wie kann ich vom  Phaenotyp, also dem Aussehen z.B. der Eltern, Großeltern, etc. auf den Genotyp, d.h. die entsprechende genetische Struktur schließen und welche Konsequenzen hat das für den Nachwuchs.
Gene und Chromosomen

Ein  einzelnes Gen besteht biochemisch aus einer Aneinanderreihung von Eiweiß-Molekülen, den Nukleinsäureketten, deren Anordnung die Erbinformationen definiert. Die Gesamtheit der Gene eines Lebewesens ist in Gruppen  zusammengefasst, den Chromosomen. Diese kann man sich als Perlenkette vorstellen, auf denen die Gene die einzelnen Perlen bilden. Die Anzahl der Gene je Chromosom ist sehr unterschiedlich; die Anzahl der Chromosomen ist  jedoch, abhängig von der Spezies, fest. Eine Katze hat immer 38 Chromosomen.

Bei der Befruchtung werden die jeweiligen Chromosomen von Kater und Kätzin zu 19 Chromosomenpaaren vereinigt, die dann die Erbinformationen  des neuen Lebens beinhalten. Mit Ausnahme von Samen- und Eizelle liegen also alle Chromosomen paarweise vor und zwar in der Weise, daß sich die Gene gleicher Aufgabenstellung gegenüberliegen. Es ist also jeweils ein  Genpaar, das eine Eigenschaft beschreibt.

Dominante und Rezessive Gene

Es gibt 2 Möglichkeiten, wie sich ungleiche (heterozygote) Genpaare auf den Phaenotyp des Nachkommens  auswirken können:

a)  Beide Gene wirken sich aus; es entsteht eine Mischform, die wiederum auf zwei Arten wirksam werden kann. Kreuzt man z.B. eine rote mit einer gelben Rose, so entsteht eine orangefarbene Rose.  Kreuzt man hingegen ein weißes Rind mit einem schwarzen, so wird das Kalb gescheckt sein und sowohl weiße als auch schwarze Fellanteile bekommen.

 b)  Eines der Gene dominiert über sein Gegenüber; dann wird die  Eigenschaft des rezessiven Gens phaenotypisch nicht (oder kaum) wirksam. So dominiert z.B. bei Aufeinandertreffen der elterlichen Tabby-Gene bei Maine-Coon-Katzen die Mackerel-Tabby-Anlage immer über die  Classic-Tabby-Anlage. Bei dominant-rezessiven Genpaarungen bleibt die rezessive Anlage genotypisch erhalten und kann weitervererbt werden.

Maine-Coon-Genotypen

Für die  genotypische Ausprägung von Fellstruktur und Farbe sind 7 Gene von besonderer Relevanz. Natürlich ist die Anzahl der dafür verantwortlichen Erbanlagen ungleich höher. Aus Grunden der Übersichtlichkeit beschränken wir  uns jedoch im weiteren auf die Gene, deren Anlagen phaenotypisch am einfachsten nachzuvollziehen sind.

1.  Das A-Gen (Agouti-Gen)

In den Erbanlagen einer jeden  Main-Coon-Katze ist immer eine Fellzeichnung (Tabby) festgelegt. Das Agouti-Gen ist dafür verantwortlich, ob diese Zeichnung sichtbar wird oder nicht. Eine Katze besitzt nämlich 2 Pigmentsysteme. Eines davon ist für  eine gelblich-graue Grundfarbe (Agouti) verantwortlich. Das andere Pigment-System ist für die Färbungen Schwarz (bzw. Braun) oder Rot (bzw. Orange) verantwortlich (siehe Orange-Gen). Die Sichtbarkeit einer  Tabby-Zeichnung ist in der Regel jedoch nur in Verbindung mit der Agouti-Pigmentierung gegeben.

Wir sprechen von Groß-A (Agouti, dominant) oder Klein-a (non-Agouti, rezessiv). Entsprechend entstehen erbtechnisch 3  mögliche Konstellationen:

Beide Elterntiere vererben A, ergibt AA : reines Tabby, ein Elternteil vererbt A der andere a, ergibt Aa: Tabby (weil A dominant über a) mit der Möglichkeit, Agouti und  Non-Agouti zu vererben. Letztlich können beide Eltern Non-Agouti vererben, ergibt aa: reines Non-Agouti. Ergo trägt eine Katze ohne Tabby-Zeichnung immer aa. eine Katze mit Tabby kann sowohl AA, als auch Aa tragen. Wie man leicht sieht, ist einem Tabby-Tier nicht anzusehen, ob es Non-Agouti vererben kann.

2. Das T-Gen (Tabby-Gen)

Es gibt 2 mögliche Tabby-Ausprägungen,  Mackerel-Tabby (getigert, d.h. dunklere getigerte Streifen treten aus der Agouti-Grundfärbung hervor) oder Classic-Tabby (gestromt , wobei es sich um eine unregelmäßige Fleckung, bzw. nicht-parallele Streifung auf dem  helleren Agouti-Untergrund handelt). Das T-Gen (Mackerel) ist hierbei dominant gegen über dem rezessiven t-Gen. Auch hier konnen 2 Mackerel-Konstellationen entstehen, nämlich TT und Tt, sowie die  Classic-Tabby-Konstellation tt.

Ungeachtet des Tabby-Genotyps wird die Tabby Anlage, wie unter 1. beschrieben nur sichtbar, wenn das Agouti-Gen A vorhanden ist. 3 Beispiele zur Verdeutlichung:

Aa Tt ergibt optisch Mackerel-Tabby,
aa Tt ergibt Non-Agouti, weil wegen aa die Tabby-Anlage nicht sichtbar wird.
Aa tt ergibt Classic-Tabby

Anmerkung: Der Vollständigkeit halber sei an dieser Stelle  bemerkt, daß es bei Genpaaren nicht unbedingt nur, wie in den bisherigen Beispielen dargestellt, zwei konkurrierende Zustände (Allele) gibt. Für die unterschiedlichsten Katzenrassen gibt es genaugenommen 3 verschiedene  Tabby-Ausprägungen, nämlich Ta (Abbessinier-Tabby), T (Mischlings-, bzw. Mackerel-Tabby) und tb (Blotched-, bzw. Classic-Tabby). Für Maine-Coons sind de facto aber nur T und ta (im weiteren nur t genannt) relevant.

3. Das O-Gen (Orange-Gen)

Dieses Gen bestimmt die Grundfärbung des zweiten (Non-Agouti-) Pigmentsystems der Katze. Groß-O (ursprünglich für Orange, heut spricht man jedoch von  Rot) und klein-o für Black (mitunter auch als Brown bezeichnet) Das O-Gen ist nicht dominant/rezessiv, sondern O und o wirken beide. In einem solchen Fall werden ergo beide Farben gleichzeitig vererbt und wir sprechen  von Tortie (2-Farbigkeit). Dabei gibt es allerdings eine ganz ungewöhnliche Besonderheit. Tortie, also Oo gibt es nur bei weiblichen Katzen. Woran liegt das? Hierzu sei ein Ausflug in die Geschlechts-Chromosomen erlaubt.

Die für das Geschlecht und die Geschlechtsmerkmale zuständigen Gene sind bei Mensch und Tier in einem  ganz bestimmten Chromosomenpaar zusammengefaßt. Hierbei definiert sich das weibliche Geschlecht durch zwei sogenannte X-Chromosomen. Im männlichen Falle liegt dem X-Chromosom ein Y-Chromosom gegenüber. Folglich kann das  Weibchen immer nur das X-Chromosom vererben, das Männchen hingegen entweder X oder Y. Ergo ergeben sich wieder gleichwahrscheinlich die Möglichketeiten XX (weiblich) oder XY (männlich).

In diesem  Chromosomenpaar ist nun aber zufällig das Orange-Gen verankert, tritt allerdings als O- oder o-Veranlagung nur im X-Chromosom auf. Haben wir es also mit einem Weibchen zu tun so können alle 3 Varianten (OO, Oo und oo) auftreten. Bei einem Kater hingegen liegt dem O-Gen im Y-Chromoson ein Gen gegenüber, daß keinerlei Einwirkung auf die Farbe des Tieres nimmt; es ist farbgenetisch neutral, und daher bezeichnen wir  es mit = (oft auch nur -). Folglich können bei männlichen Tieren nur die Varianten O= oder o= vorkommen, nie aber Oo.

 Erweitern wir nun die 3 Beispiele aus dem vorigen Absatz um das Farbgen:

 Aa Tt o= ergibt Black Mackerel-Tabby (männlich),
aa Tt OO ergibt Non-Agouti Red oder auch Solid-Red (weiblich),
 Aa tt Oo ergibt Classic-Torbie (weiblich / Tortie und Tabby zieht man verbal zu Torbie zusammen)

In diesem Zusammenhang gibt es noch eine weitere Besonderheit: Der Phaenotyp Solid-Red ist in der Praxis höchst selten, da in  den meisten Fällen, trotz der Non-Agouti-Anlage, die Farbdeckung so gering ist, daß das genetisch immer vorhandene Tabby-Muster als „Geisterzeichnung" durchscheint.

  4. Das D-Gen (Dense-/Dilute-Gen)

Das dominante D-Gen steht für Dense (dicht) und sorgt für die Farben Black und Rot, bzw Tortie. Das rezessive d-Gen verdünnt diese Färbungen zu Blue, Cream, bzw  Blue-Tortie. Entsprechend erweitern wir unsere 3 Beispiele:

Aa Tt o= dd ergibt Blue Mackerel-Tabby,
aa Tt OO dd ergibt Cream,
Aa tt Oo Dd ergibt Classic-Torbie (Verdünnung wird unterdrückt),

Exisitiert die Verdünnung in Verbindung mit der 2-Farbigkeit (Tortie), so spricht man der Einfacheit halber nicht etwa von Blue-Cream-Tortie sondern nur von Blue-Tortie, bzw. Blue-Torbie.

 5. Das I-Gen (Pigment-Inhibitor-Gen)

Im Gegensatz zur Farbverdünnung verhindert das dominante I-Gen die durchgehende Farb-Pigmentierung des einzelnen Hahres und hellt dieses von der Wurzel herauf soweit  auf, so daß nur noch die obere Hälfte des Haares (dunkel) gefärbt bleibt. Das Durchscheinen dieser helleren Haarhälfte läßt das Fell leicht silbern erscheinen. Das I-Gen ist also für die Silber-Varianten zuständig. Je  nach Grundfarbe, z.B. bei einer Solid-Black-Katze entseht häufig auch eine Art Rauchglas-Effekt. Daher sprechen wir in einem solchen Falle nicht von Black-Silver, sondern von Black-Smoke.

Der Variantenreichtum der  durch das Inhibitor-Gen ausgelösten Effekte ist recht groß. Innerhalb der einzelnen Fellfärbungen, als auch in Verbindung mit unterschiedlichen Tabby-Mustern sind unterschiedlichste Ausprägungen zu verzeichnen.  Darüberhinaus kann auch die „Reichweite" des Pigmententzugs stark variieren. Ist z.B. nur noch das obere Viertel der Haare pigmentiert, so srechen wir von Silver-shaded. Bleibt gar nur noch die Haarspitze  pigmentiert, so daß nur noch der sehr zarte Anflug einer Grundfärbung erkennbar ist, spricht man oft von Chinchilla.

Erweitern wir unsere 3 Beispiele um diese 5. Gengruppe:

Aa Tt o= dd Ii ergibt Blue-Silver Mackerel-Tabby,
aa Tt OO dd II ergibt Cream-Silver, auch Cameo ( „rote" Silver-Varianten) genannt ,
Aa tt Oo Dd ii ergibt Classic-Torbie (Non-Silver)

  Die Non-Silver-Anlage ist rezessiv, ergo kann Silver nicht von Non-Silver-Eltern
(genetisch ii) vererbt werden.

6. Das S-Gen (Spotted-Gen)

 Das S-Gen beschreibt  die Veranlagungen von Weißanteilen im Fell. Wir sprechen dann von „... mit Weiß", z.B. Black Tortie mit Weiß oder Red Tabby mit Weiß, etc.. Die Ausprägungen dieser Weißanteile sind recht vielfältig ; sie reichen  von weißen Pfötchen bis hin zu großen weißen Placken, die mitunter über 50% des Fells mit Weiß bedecken.

Im Sinne einer präzisen Definition handelt es sich bei der Spotted-Veranlagung nicht um ein einzelnes Gen,  sonderen um eine Gruppe sehr eng miteinander verknüpfter Gene, deren Details bis heute noch nicht vollständig erschlossen sind. In jeder Gruppierung gibt es selbst wieder dominante und rezessive Gene. Der Einfachheit  halber spricht man dennoch vom S-Gen. Allerdings sind hierbei die Bezeichnungen S (dominant) und s (rezessiv) lediglch als Wahrscheinlichkeiten anzunehmen. Als Grundregel gilt: je mehr Weißanteile die Eltern haben,  desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, entsprechende Weißanteile auf den Nachwuchs zu übertragen. Eine genotypisch verlässliche Aussage ist allerdings daraus nicht abzuleiten.

 7. Das W-Gen (White-Gen)

Im Gegensatz zum S-Gen ist das dominante W-Gen für die ganzheitliche Weißfärbung des Fells verantwortlich. Es ist genotypisch nicht mit der „Spotted"-Gengruppe verwandt.  Die Weißfärbung durch das W-Gen geht im übrigen auch einher mit ganz bestimmten zusätzlichen Merkmalen. Dazu gehört unter anderem auch die Augenfarbe des Tieres. Diese kann blau, grün, orange oder odd-eyed (ungleich,  ein Auge blau, das andere orange) sein. Da die White-Veranlagungen mitunter im Zusammenspiel mit „begleitenden" Erbschäden, wie z.B. Taubheit, auftreten und diese offensichtlich auch weitervererben können, sind  mittlerweile bestimmte White-Konstellationen von den Zuchtverbänden untersagt worden. Auch hier sind die exakten Zusammenhänge noch nicht vollständig erforscht. Es gibt auch noch Unklarheit darüber, ob und in welcher  Weise das W-Gen Einfluß auf einen möglichen Albinismus (Weißfarbigkeit, bzw. Farblosigkeit durch Pigmentmangel) im medizinischen Sinne nimmt.

Brunhilde Maus,  Robert-Koch-Str. 5,  63486 Bruchköbel - Tel: 06181-976619,  Email: bruni.maus@t-online.de